Scherben (Broken Glass – A.Miller)

strich

Ich bin eine regelmässige Ernst-Deutsch-Theater-Gängerin. Und nachdem ich beim letzten Stück (“Was ihr wollt”, W. Shakespeare) aus dem Lachen kaum herauskam, versprach die Premiere zu “Scherben” (Originaltitel “Broken Glass“, A. Miller, 1994) vor einer Woche eher herbere Kost.

Nicht umsonst schreibt das Hamburger Abendblatt, daß dieses Stück “eher selten gespielt wird”. Zudem darf nicht vergessen werden, dass es – durchaus auch “judenkritisch” – in Deutschland aufgeführt wird – geschrieben von einem “jüdischen Atheisten”, geboren und aufgewachsen in den USA und (u.a.) 5 Jahre verheiratet mit Marilyn Monroe.

Phillip (Henry Arnold) und Sylvia Gellburg (Isabella Vértes-Schütter) © Oliver Fantitsch / www.fantitsch.de

Phillip (Henry Arnold) und Sylvia Gellburg (Isabella Vértes-Schütter)
© Oliver Fantitsch / www.fantitsch.de

Es geht um ein jüdisches Ehepaar zur Zeit der “Kristallnacht” (1938), welches in New York lebt. Sie – Sylvia – so tief schockiert über die aktuellen Zustände in Deutschland, welche sie vorrangig aus der Zeitung wahrnimmt, daß es sie scheinbar im wahrsten Sinne lähmt. Er – Phillip – so zerfressen von Selbsthass auf sein “jüdisch-Sein” und sein Versagen in Bezug auf seine ehelichen Pflichten, daß er nicht versteht, was hinter der Lähmung seiner Frau wirklich steckt. Um einen Doktor, der hin- und hergerissen ist zwischen den positiven Erinnerungen seiner Studienzeit in Deutschland und den “jetzigen” Schilderungen der Presse über die abgrundtief niederträchtigen Zustände in selbigem Land. Um die Schwester Harriet, für die diese Dinge so weit entfernt sind, daß sie nicht versteht, warum Sylvia sich in Berichte aus dem fernen Deutschland regelrecht vergräbt. Und letztendlich um das – im Kontrast dazu – eher banale Voneinander-Wegdriften eines Paares innerhalb seiner Ehe.

Phillip (Henry Arnold)  © Oliver Fantitsch / www.fantitsch.de

Phillip (Henry Arnold)
© Oliver Fantitsch / www.fantitsch.de

Für mich persönlich nehmen all diese Personen die verschiedenen Sichtweisen und sogar “Argumente” ein, die ich heute in unserer (deutschen) Gesellschaft in Bezug auf den Holocaust erlebe. “So weit weg…” (heute aber zeitlich gesehen, nicht räumlich wie Harriet), “Die können nichts gewusst haben, das sind doch liebe Menschen” (der Doktor), bis hin zu tiefster Bestürzung (Sylvia) oder weitgehender Verdrängung (Phillip). Und gleichzeitig geht es eben um “banale” Beziehungsprobleme und (ab-)sterbende Gefühle dem Partner gegenüber. Gerade die Schlussszene des Stückes von Regisseur Yves Jansen hat mich noch Stunden beschäftigt (und nein, es folgt nun kein Spoiler…).

Sicher kein Stück für einen lauschigen, unterhaltsamen Theater-Abend. Aber trotzdem wirklich sehr sehenswert (noch bis zum 9.11.2013).

(Sehr interessant ist im Nachhinein, daß erst 2 Jahre nach dem Tod von Arthur Miller († 2005) bekannt wurde, daß er einen Sohn mit Down-Syndrom hatte, der im Heim lebte. Soviel zum Thema “Verdrängen bis es nicht mehr geht”, wie das Hamburger Abendblatt seine Kritik betitelte…)

Nachtrag vom 18.10.2013:

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